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NZZ: La cosa nostra

Als vor zwei Wochen das 200. Tessiner Derby stattfand, widmete das Tessiner Fernsehen dem Ereignis zwei Tage zuvor einen ganzen Abend. Um das Ereignis zu würdigen, sprachen selbst Menschen, die eigentlich längst verstummt sind, wie der vor knapp zwei Jahren verstorbene Ambri-Präsident Emilio Juri. Eine alte Diskussionssendung mit Luganos ehemaligem Präsidenten Geo Mantegazza wurde wiederholt. Und die geschiedene Ehefrau des freiwillig aus dem Leben geschiedenen Peter Jaks erzählte, wie der eine Match die Laune ihres Gatten während einer ganzen Woche prägte.

Dann kam Alcide Bernasconi und sagte: Also eigentlich spielen wir am Samstag schon das 201. Derby, weil es ja vor dem ersten Meisterschaftsspiel schon eine Begegnung im Cup gegeben hat. Und schon war der Streit um Ambri und Lugano in vollem Gang.

 

Die Partie Ambri - Lugano lässt im Tessin keinen kalt. Jede Kleinigkeit zählt. Jeder hat seine Meinung, natürlich haben alle recht. Dabei weiss es eigentlich kaum jemand besser als Alcide Bernasconi. Der Mann ist im Tessin eine Legende. Als Journalist des Giornale del Popolo , aber vor allem als Moderator einer äusserst populären Country-Musiksendung im Radio prägte Bernasconi über 30 Jahre Tessiner Mediengeschichte. Und was die wenigsten wissen: Er war auch ein guter Eishockeyspieler. Bernasconi spielte für den HC Lugano und die Tessiner Nachwuchsauswahl, ehe ein schwerer Skiunfall seine Karriere auf dem Eis beendete. Am 21. Januar 1973, als Ambri und Lugano das erste offizielle Spiel bestritten, stand er mit Krücken an der Bande. Wer weiss, vielleicht wäre er sonst auf dem Eis gestanden. Deshalb muss Bernasconi es wissen.

 

Das Tessin ist Ambri

Ob nun das erste, das zehnte oder wie gestern Samstag das 201. Derby (oder war es doch das 202.?) ansteht: Es spielt eigentlich keine Rolle. Der Match wirft das ganze Tessin in die Vergangenheit zurück. Alte Gräben, die im wirklichen Leben längst zugeschüttet und vergessen sind, brechen für einen Abend wieder auf. Um die Bedeutung des Derbys zu verstehen, muss man versuchen, die Tessiner zu verstehen. Und niemand tut das besser als Filippo Lombardi, der den Kanton seit 1999 im Ständerat vertritt. Der HC Ambri-Piotta hat lange vor dem HC Lugano existiert. Der Klub ist 77 Jahre alt, rund 50 davon spielte er in der NationalligaA. Er war der Klub der Tessiner, als Lugano noch in der 1. Liga spielte. In der Wahrnehmung der Menschen ist Ambri der Bergklub, Lugano das Team der Millionäre. Der echte Tessiner fühlt sich eher von Ambri vertreten.

Filippo Lombardi sitzt in der Bar des Berner Nobelhotels Bellevue-Palace . Der Kellner begrüsst ihn nicht mit Namen, sondern sagt: Forza Ambri. Lombardi ist nicht nur Tessiner Ständerat, sondern seit 2009 auch der Präsident des HC Ambri-Piotta und damit nicht neutral. Wenn es um Ambri und Lugano geht, findet man im Tessin ohnehin kaum jemanden, der das wäre. Und selbst wenn Lombardis Klischee vom armen Ambri und vom reichen Lugano überholt ist: Der Kern seiner Aussage stimmt. Der Arm des HCAP reicht bis tief ins Gebiet des Erzrivalen hinein. Lombardi sagt: Wir setzen die meisten unserer Saisonkarten in Lugano ab. Das hat eine gewisse Logik. Lugano ist der wirtschaftliche Motor des Tessins. Ein Drittel der 350000 Tessinerinnen und Tessiner lebt im Grossraum Lugano. Viele ziehen aus den Tälern in die Stadt, um dort zu arbeiten im Gepäck ein Stück Heimweh und die Leidenschaft für Ambri, das ihnen ein Stück Heimat gibt.

Das schürt Animositäten, treibt allerdings auch an. Ohne Lugano, sagt Alcide Bernasconi, würde es auch Ambri in der Nationalliga A nicht mehr geben. Die Rivalität nährt den Mythos und beruht auf Gegenseitigkeit. Der ehemalige Lugano-Spieler Markus Graf erinnert sich, wie der gewöhnlich zurückhaltende Geo Mantegazza nach einer Derby-Niederlage in Ambri minutenlang in der Kabine getobt habe. Am Schluss habe er sich vor jeden einzelnen Spieler gestellt und ihn gefragt: D' accordo? Spieler um Spieler habe mit d' accordo geantwortet, bis Mantegazza zum Westschweizer Jean-Michel Courvoisier gekommen sei. Der habe gestammelt: Je n' ai rien compris. Mais je suis tout fait d' accord.

In Lugano war über Jahre alles erlaubt ausser, das Derby zu verlieren. Das führte zu einer speziellen Eigendynamik, die bis heute spielt: Ambri darf, Lugano muss gewinnen. Larry Huras war je zweimal in Ambri und Lugano Trainer und ist in 52 Derbys an der Bande gestanden. Er sagt: Ich hatte immer das Gefühl, dass das Derby für die Spieler in Ambri wichtiger war als für die Spieler in Lugano. In Lugano haben viele die Geschichte dieses Derbys nicht verstanden. Ryan Gardner, der als Kleinkind mit seinem Vater Mike nach Ambri gekommen war und später selber für beide Teams spielte, sagt, sein Vater habe ihm vor dem ersten Derby mit Ambri mitgegeben: Spiel im Derby gut, dann ist alles gut.

Wo so viel Emotionen sind, bleiben auch Auswüchse nicht aus. Das Tessiner Derby hat Familien entzweit und Freundschaften zerstört. Der ehemalige Rekord-Nationalspieler Jakob Kölliker, der im Herbst seiner Karriere fünf Saisons für Ambri gespielt hat, erinnert sich an telefonische Morddrohungen vor den Spielen. Einmal wurde in Lugano an unserem Mannschaftsbus der Keilriemen durchgeschnitten. In der Leventina aber waren wir die Helden, selbst wenn wir verloren haben. Schuld waren immer die anderen: die Schiedsrichter, der Nebel, das Eis.

 

Ticozzi und 41 weitere Grenzgänger

Ambris Tifosi haben ihren Helden alles verziehen ausser die Seiten zu wechseln. Dabei haben bis heute 42 Spieler mindestens je einmal für Ambri und Lugano auf dem Eis gestanden. Der Weg war über Jahre vorgezeichnet: Wer gut war, wechselte von Ambri nach Lugano; wer in Lugano nicht mehr genügte, ging nach Ambri. Der erste dieser Grenzgänger war Claudio Ticozzi, der seine Karriere zwar in Lugano begann, aber doch vor allem für Ambri steht. Er ist heute 69-jährig und lebt noch immer in Faido, 14 Kilometer von Ambri entfernt. Zu meiner Zeit wollte man in Ambri zuerst keine Spieler, die nicht aus dem Dorf kamen. Ticozzi nahm deshalb ein Angebot des Lugano-Präsidenten Ernesto Bühler an, in dessen Fabrik zu arbeiten und für seinen Klub zu spielen. Das Heimweh seiner Frau trieb ihn in die Leventina zurück. Für die Mitspieler sei das kein Problem gewesen. Aber in Lugano wurde ich von den Ambri-Zuschauern, in Ambri von den Lugano-Zuschauern angefeindet.

Die Tessiner sind leidenschaftliche Menschen, im Sottoceneri noch mehr als im Sopraceneri. Filippo Lombardi sagt: Im Sopraceneri sind die Berge steiler, die Lebensbedingungen härter, und die Leute eher radikal denkend. Der Sottoceneri war hingegen immer eine Region des Handels mit liberaler Weltanschauung. Ganz gewiss wird sich jemand finden, der das Gegenteil behauptet. So streiten sie weiter im Tessin. Selbst wenn es nur darum geht, ob gestern das 201. oder 202. Derby stattgefunden hat.

 

Geschichten aus einem halben Jahrzehnt

Heisse Tessiner Nächte

31. 10. 1964: Bogenpuck

Im Cup kommt es zur ersten offiziellen Begegnung: Ambri ist gerade aus der NLA ab-, Lugano in die NLB aufgestiegen. Nach 60 Minuten steht der Match 1:1 und geht in die Verlängerung. Ein Luganeser Befreiungsschlag segelt über die Lampen und landet hinter dem geblendeten Ambri-Goalie Franco Pellegrini zum 2:1 im Tor. Pellegrini verkauft heute vor der Valascia Marroni.

23. 1. 1973: Massenschlägerei

Lugano gewinnt 2:1, doch zu reden gibt einzig die Schlägerei, an der sich Spieler, Schiedsrichter, Zuschauer und Funktionäre beteiligen. Auslöser ist ein Zusammenstoss zwischen Luganos Stürmer Bernard C t und Ambris Torhüter Jürg Jäggi. Die Streithähne lassen erst voneinander ab, als die Polizei eingreift.

10. 1. 1987: Strafexpedition

John Slettvolls HC Lugano ist grande , Ambri trotzt ihm mit Härte. Deshalb engagiert Slettvoll seinen hünenhaften Landsmann Mats Hallin und organisiert das, was er später als Strafexpedition bezeichnet. Hallin verprügelt während rund 20 Minuten Ambris Provokateur Misko Antisin. Die Schiedsrichter versuchen erfolglos, die beiden Spieler zu trennen. Das Spiel endet mit 219 Strafminuten. Die Bilder gehen um die Welt.

1. 4. 1999: Jaks Fehlgriff

Zum ersten und einzigen Mal stehen sich Ambri und Lugano im Play-off-Final gegenüber. Ambri ist Favorit und führt in der Best-of-five-Serie mit 2:0 und im dritten Spiel erneut 2:0. Dann lässt der Goalie Pauli Jaks einen harmlosen Schuss von Antisin, der mittlerweile in Lugano spielt, passieren. Es ist der Anfang vom Ende. Ambri gewinnt keinen Match mehr.

14. 3. 2006: Vauclairs Goldsturz

Diesmal treffen Ambri und Lugano im Viertelfinal aufeinander. Ambri gewinnt die ersten drei Spiele der Best-of-seven-Serie, führt im vierten viermal. Ryan Gardner erzwingt die Verlängerung. Dort fährt Julien Vauclair in die Verteidigungszone, strauchelt am Ende seiner Kräfte über F licien Du Bois. Samt Scheibe rutschen die zwei zum 5:4 ins Tor. Ambri gewinnt keinen Match mehr. Lugano sichert sich später den Titel. (gen.)