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Saisonrückblick HCAP 2014/2015

«Spektakulär und extrem - so war die Ambri-Saison»

Von André Sägesser

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Die Saison 2014 / 2015 werden die Ambri-Fans nicht so schnell vergessen. Verletzungspech und einige Spiele, welche die Leventiner in den letzten Sekunden verloren haben, waren ein wichtiger Grund dafür, dass der HC Ambri-Piotta die Playoff-Qualifikation vom Vorjahr nicht wiederholen konnte.

 

Kaum war das Scheitern in den Playoffs gegen den HC Freiburg-Gotteron etwas in den Hintergrund gerückt, kam der erste Hammer für den HCAP. Mitte Juli, als noch niemand richtig vom Eishockey zu sprechen wagte, verabschiedete sich trotz eines gültigen Vertrags in der Leventina Maxim Noreau. Der Kanadier erhielt vom NHL Team Colorado Avalanche einen Einwegvertrag über 2 Jahre.  Serge Pelletier hatte auf den Abgang schnell reagiert, zu schnell wie  sich im Nachhinein herausstellte.  Denn nur Tage später wurde als Noreau Ersatz der 29-Jährige kanadische Verteidiger Ryan O'Byrne präsentiert. Kein Playmaker an der blauen Linie im Powerplay wie Maxim Noreau, sondern ein Abräumer mit 196cm und 106 Kg Kampfgewicht und gerade mal 2 Toren und 5 Assists in 43 Spielen für den KHL Club Lev Prag. Ein fataler übereifriger Entscheid, wie sich dann während der ganzen Testspielreihe und der Meisterschaft zeigte. Denn durch die Vergrösserung der neutralen Zone ist das eigene Drittel insgesamt um 1,53 Meter geschrumpft. Mehr Platz für die Mannschaft, die mit einem Mann mehr agieren kann. Schon in den ersten Testspielen hatte man gesehen, dass das Powerplay noch mehr an Gewicht erhält. Zwar gibt es solche Blueliner, die bezahlbar sind, nicht wie Sand am Meer, doch hätte Ambris Sportchef hier etwas mehr Fingerspitzengefühl zeigen müssen und mit einer Verpflichtung des vierten Ausländers zuwarten sollen. Nötigenfalls halt bis zur Testspielserie. Doch alles der Reihe nach. In der abgelaufenen Saison setzte Ambri mit einem fast identischem Coaching Staff auf Kontinuität. Serge Pelletier hatte erstmals die Squadra Bianco Blu nach seinen Wünschen zusammengestellt. Die Analyse der abgelaufenen Saison mit der erstmaligen Playoff Qualifikation seit 6 Jahren brachte es an den Tag. Mit mehr Masse und mehr Klasse wollte der Kanada-Schweizer das Playoff Abenteuer wiederholen. Jedoch wurde Sportchef Serge Pelletier das Budget der Saison 14/15 um rund 1 Mio gekürzt. Dass man damit keine grossen Sprünge machen kann ist bekannt. 11 Abgänge wurden mit 8 Zuzügen kompensiert. Dabei bediente sich Serge Pelletier auch bei seinem ehemaligen Verein Freiburg und warb mit Adrien Lauper und Alain Birbaum gleich zwei Cracks ab. Wobei Alain Birbaum noch einen Vertrag in Freiburg hatte und „nur“ ausgeliehen wurde. Ein Teil des Lohnes übernahmen weiterhin die Freiburger. Im Tausch von Künstler Alexej Dostoinov nach Ambri  kehrte Kämpfer Marc Reichert zum SC Bern zurück. Nach und nach komplettierte sich das Team mit weiteren Zuzügen. Für die Urner Ambri Fans war natürlich die Verpflichtung des 22-jährigen Kanada-Urners Jesse Zgraggen das Highlight. Man hatte wieder einer der Unseren im Team und dies 40 Jahre nach Goalie Fritz Grünig aus Erstfeld. Die gute physische Vorbereitung der Leventiner war ein weiteres Mal der Verdienst von Off-Ice Coach Dino Lauber. Die Abschlusstests Ende Juli waren durchwegs positiv und konnte die Mannschaft dem Coach Serge Pelletier für die Trainings auf dem Eis übergeben.

 

 

Last Minute Niederlagen

Grosses Eishockey-Kino gleich zum Saisonstart: Ambrì jubelt und feiert - und singt La Montanara. Leider zu früh, denn die Schiedsrichter sehen das temporäre 3:2 nicht als erster Sieg im ersten Spiel für die Leventiner, sondern lassen die Matchuhr noch einmal sieben Sekunden laufen und da treffen die Berner in Extremis zum Ausgleich. Die Leventiner holen sich zwar den Zusatzpunkt im Penaltieschiessen doch werden fatale Schlussminuten und Schlusssekunden die ganze Saison immer wieder von sich reden machen. Vor allem in der heimischen Valascia gingen dem HCAP einige Male wegen Überstunden, sprich Verlängerungen und Penaltieschiessen wichtige Punkte für eine Playoff Qualifikation verloren. Erst im Derby Nummer 201, dem 29. Spieltag – gab es den ersten Heimsieg von Ambrì-Piotta nach 60 Minuten zu bejubeln. Die Leventiner siegten dank einem starken Michael Tobler im Tor (die Temporärleihgabe vom EHC Olten) mit 3:1. Einiges Verletzungspech machte dem HCAP während der gesamten Saison zu schaffen. Während Top Teams solche Ausfälle in der Regel relativ locker wegstecken, haderte man in der Leventiner so öfters mit dem Schicksal. Zuerst erwischte es Ryan O’Byrne, bei dem einen Knorpel im Hüftgelenk diagnostiziert wurde und über 4 Monate ausfiel. Ambri konnte zwar mit dem SC Bern eine Einigung für den Transfer des 29 jährigen Verteidigers Geoff Kinrade erzielen doch der Kanadier verabschiedete sich nach nur 5 Spielen wieder in Richtung russische KHL. Auch der nächste Ersatzausländer Francis Boullion konnte die Defensiven Probleme und das meist schlechte Powerplay des HCAP nicht verbessern. Das Engagement des 38-jährigen NHL Sauriers mit über 770 NHL Partien darf als Flop betrachtet werden. Wie schon der hüftsteife Ryan O’Byrne, war auch Francis Bouillon mit dem horrenden Tempo der NLA zu oft überfordert. Ebenfalls schon früh verletzte sich Daniele Grassi. Das  22-jährige Ambri Eigengewächs war mit seiner Spielweise und Standfestigkeit ein gewichtiger Ausfall. Im Cupspiel gegen die GdT Bellinzona im Oktober erwischte es dann noch Publikumsliebling Inti Pestoni. Nach einem harmlosen Check verletzte sich der 23-jährige Hoffnungsträger an der Schulter. Erneut positiv in Szene setzen konnte sich Alexandre Giroux, der mit seinem 27 Treffern und 13 Assists in der Qualifikation massgeblich beteiligt war, dass man lange von den Playoffs träumen konnte. Fünf Tore und ein Assist gelangen dem Kanadier dann im Playout. Auch wenn der 33-jährige optisch nicht immer voll bei der Sache auf dem Eis präsent war, konnte man sich auf ihn und seine Tore im richtigen Moment verlassen. Gut in Szene setzen konnte sich auch Adam Hall, der Neuzuzug vom NHL Team Philadelphia Flyers. Der Amerikaner hatte wie schon viele zuvor, am Anfang einige Mühe mit den grösseren Eisrinks und dem Tempo in der NLA. Nach und nach trumpfte Adam Hall immer mehr auf und wurde seinem Ruf als Bullyspezialist gerecht. Die Verletzung von Teamleader und Identifikationsfigur Inti Pestoni während fast der Hälfte der Qualifikation und nur durchschnittliche ausländische Verteidiger waren ein wichtiger Grund dafür, dass der HC Ambri-Piotta die Playoff-Qualifikation vom Vorjahr nicht wiederholen konnte.

 

 

7 Goalies in einer Saison

In der letzten Saison verfügten die Leventiner mit Sandro Zurkirchen und Nolan Schaefer über ein überdurchschnittliches Goalie-Duo. Doch der Spieleragent des Kanada-Schweizers Schaefer verpokerte sich masslos und Ambri sagte den Transfer Poker um Schaefer dankend ab. Mit dem 30-jährigen Michael Flückiger holte Sportchef Serge Pelletier sich von Lugano! einen neuen Ersatztorhüter. Dass die Lobhymnen von Eishockey Guru Klaus Zaugg nicht ganz stimmen konnten, er schrieb das Flückiger der beste Ersatzgoalie der Schweiz sei, merkte man schon in den ersten Testspielen. Der inkonstante Michael Flückiger konnte Sandro Zurkirchen nicht um den Stammplatz im Ambri Tor verdrängen. Als im Dezember sich dann plötzlich beide Ambri Goalies längerfristig verletzten, begann sich das Goalie-Roulette zu drehen. So wusste manchmal Serge Pelletier am Vormittag beim Warm-Up noch nicht, wer am Abend genau zwischen den Pfosten steht. So standen mit teils mehr oder weniger Erfolg Lorenzo Croce, Michael Tobler, Gianluca Hauser und  der schweizerisch-finnische Doppelbürger Dennis Saikkonen im Tor. Zum Schluss der Qualifikation mussten die Leventiner gar bis Saisonende noch den lettischen Nationalgoalie Edgars Masalskis ausleihen. Der 34-Jährige stiess vom KHL-Team Dynamo Riga zu den Tessinern. Darauf hat man nun reagiert. Wie der HC Ambri Piotta vor Tagen bekannt gab, ist der 35-jährige Goalie Nolan Schaefer wieder zum HC Ambri-Piotta zurückgekehrt. Der Kanadier mit Schweizer Pass spielte in der abgelaufenen Saison für den SC Bern, kam aber über die Reservistenrolle nicht hinaus. Für den aktuell noch bei Ambri unter Vertrag stehenden Michael Flückiger soll anscheinend ein Abnehmer gesucht werden. Interesse hat scheinbar der HC Freiburg-Gotteron angemeldet.

 

Jesse Zgraggen mit guter Rookie Saison

Erwartungsgemäss verlief der Start in die erste NLA Saison für Jesse Zgraggen nicht ohne Hindernisse. Der Unterschied von der körperbetonten Juniorenliga WHL zum Schweizer Tempo NLA Hockey war für den 22-jährigen Kanada-Urner grösser als erwartet. Obwohl mehrere Male als Überzähliger Spieler auf der Tribüne parkiert, kam der stämmige Verteidiger in der zweiten Saisonhälfte immer besser in Fahrt. Dies nicht zuletzt wegen diverser verletzten Clubkameraden. Jesse Zgraggen zeigte nebst einer harten, aufsässigen aber fairen Spielweise immer mehr offensive Akzente und stand mehrmals seinem ersten Treffer auf Schweizer Eis sehr nahe. In den 28 Quali-Partien in denen er eingesetzt wurde schaffte er zwei Assists bei einer sehr guten -7 Bilanz. Wesentlich produktiver zeigte sich Ambris Verteidiger in der Platzierungsrunde und den Playouts. Hier gelangen ihm in den 12 Playoutpartien 4 Assists. Zudem wurde Zgraggen am Schluss der Saison gar im Power – und Boxplay, sowie in der ersten Verteidigungsformation eingesetzt. Ein steiler Aufstieg eines Spielers der noch vor Monaten Juniorenhockey gespielt hatte. Das macht Hunger auf mehr. Auch mit den guten Leistungen von Jesse Zgraggen war die Ambri Defensive nicht immer über alle Zweifel erhaben. Mit 167 Treffern erhielten die Leventiner am zweitmeisten Tore in der Qualifikation. Pechvogel Nummer 1 war dabei sicher der von Freiburg transferierte Alain Birbaum. Der Wunschspieler Serge Pelletiers war zwar mit 3 Toren und 7 Assist weit produktiver als zuletzt in Freiburg, stand aber auch bei 20 Gegentoren auf dem Eis. Marc Gautschi spielte eine solide aber unauffällige Saison. Adrian Trunz, Patrick Sidler und Reto Kobach konnten sich nicht weiter steigern und vom Durchschnitt absetzen. Marc Grieder kämpfte vorbildlich, war aber dem Tempo in der NLA kaum mehr gewachsen. Einzig Benjamin Chavaillaz machte erneut einen Schritt nach vorn und wurde öfters im Powerplay eingesetzt.

 

 

Vorzeitiger Saisonschluss verpasst

Es war das Saisonspiel Nummer 62 und der Match, welcher Ambrì den Ligaerhalt brachte. Die Leventiner gewannen bei den Lakers vor 5306 Fans nach einem 0:2-Rückstand schlussendlich mit 6:3 Toren und so den Playout Final gegen den Angstgegner mit 4:2 Siegen. Am Schluss jubelten einmal mehr die Ambri Fans, nachdem ihr Team sprichwörtlich den Schalter umlegen konnte. Leistungsträger wie Inti Pestoni, Adam Hall, Alexandre Giroux und Goalie Sandro Zurkirchen kamen im rechten Augenblick in Form und sorgten so für ein blauweisses Happy-End. In den Playout Final kamen die Leventiner aber nur, weil sie wohl ihre beiden wichtigsten Spiele der Platzierungsrunde komplett vermasselt hatten. Nach einem guten Start und zwei Siegen gegen Freiburg und Rapperswil trafen die Tessiner zweimal auf die kriselnden Kloten-Flyers. Hier war der HCAP überhaupt nicht bereit aus welchen Gründen auch immer. Böse Zungen behaupteten gar, dass die Zeit von Serge Pelletier abgelaufen sei, so wie sich die Mannschaft auf dem Eis präsentierte und kaum noch auf seine Anweisungen reagierte. In den Spielen in der Playout-Final Serie wurden die Kritiker dann eines besseren belehrt. Grundsätzlich darf man aber mit der Ambri Saison 2014/15 zufrieden sein. Der Zuschauerschnitt von 5154 in der Meisterschaft, 4727 in der Platzierungsrunde und mit knapp 5000 Fans im Playoutfinal ist allerdings etwas tiefer als letzte Saison, doch standen die Fans auch in heiklen Phasen geschlossen hinter ihrem HCAP.

Serge Pelletier mistet seinen Ambri Stall aus

 

Wichtig ist nun, dass die richtigen Lehren und Konsequenzen aus dieser Saison gezogen werden. Denn Die Mannschaft konnte sich jedoch unter Serge Pelletier, Diego Scandella und Off-Ice Coach Dino Lauber nicht wunschgemäss weiterentwickeln. Seit Saisonschluss trudeln immer wieder Meldungen und Gerüchte über mögliche Abgänge und Zugänge ein. Nach den schon im Vorfeld der Playouts kommunizierten Abgängen von Daniel Steiner und Fabian Lüthi (EHC Biel) und Verteidiger Reto Kobach (EHC Olten) müssen mit dem Defensiv-Trio Francis Bouillon, Ryan O'Byrne und Marc Grieder und den Stürmern Roman Schlagenhauf und Alexej Dostoinov fünf weitere Spieler den HC Ambri-Piotta im Sommer verlassen. Roman Schlagenhauf konnte seine letzte gute Saison nicht toppen und von Künstler Alexej Dostoinov erwarteten nicht nur die Verantwortlichen, sondern auch die Fans viel mehr. Der Tausch mit Marc Reichert, der aus familiären Gründen zum SC Bern gewechselt hatte, lohnte sich für den HCAP sowohl sportlich, als auch finanziell nicht. Wohl wesentlich günstiger und jünger wird der Kanada-Schweizer Ryon Moser sein. Der 183cm und 78 kg schwere Stürmer hat einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben. Der 22-Jährige verbrachte schon zweimal (2012 und 2014) mit Ambri ein Probetraining im Sommer und kommt wie Jesse Zgraggen aus dem kanadischen Lethbridge. Noch ist offen was mit Captain Paolo Duca geschieht, welche Ambri Junioren in die erste Mannschaft nachrücken werden und ob das grösste Leventiner Verteidigertalent Michael Fora seine Zelte in Nordamerika abbricht und zurück in die Leventina kommt? Auf den Ausländerpositionen muss auf jeden Fall ein Offensivverteidiger und ein Mittelstürmer der das Spiel und das in der Meisterschaft nicht gerade erfolgreiche Powerplay lenken kann, verpflichtet werden. Kaum vorstellbar dass Keith Aucoin weiter beim HCAP beschäftigt wird. Der Amerikaner war zwar mit 31 Punkten (7 Tore/ 24 Assists) im Schnitt, glänzte mit guter Übersicht, war aber vom Tempo teilweise überfordert. Zu dem liess das Zweikampfverhalten zu wünschen übrig. Irgendwie fragt man sich da schon wie ein Crack wie Keith Aucoin in der harten Spielweise der American Hockey League überleben konnte. Diese Attribute sprechen nicht für eine Weiterbeschäftigung des Sturmpartners von Alexandre Giroux. Sportlich gesehen wird in den nächsten Wochen sicher der eine oder andere Transfer oder diverse Vertragsverlänger-ungen bekannt gegeben. Einzig fixer Transfer ist nach Ryon Moser und Nolan Schaefer bis jetzt nur der Bieler Oliver Kamber. Offen sind noch zwei Ausländer und zwei bis drei Spieler auf der Sturm- beziehungsweise Verteidigerposition. Die Mannschaft muss noch da und dort mit Wasserverdrängung verstärkt werden. Ob das Doppelmandat (Coach und Sportchef) von Serge Pelletier wieder geteilt und einen neuen Coach engagiert wird, kommt wohl eher nicht in Frage. Obwohl immer wieder Gerüchte im Umlauf waren dass Mannschaft und Coach zerstritten sind. Wie auch immer. HCAP Boss Filippo Lombardi und seine Crew sind überzeugt, für die Saison 2015/16 ein konkurrenzfähiges Ambri zu stellen, welches sich wieder unter die besten acht NLA Teams kämpft.

Text & Fotos: André Sägesser